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18.03.2015 | Dr. Uwe Lehmann-Brauns, MdA
Welt-Stadt-Berlin
Zum Vorstoß des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller die Konzeption des Humboldt-Forums zu überdenken
Michael Müllers Vorschlag, eine Ausstellung "Welt-Stadt-Berlin" im Humboldt-Forum zu implantieren, kommt im letzten Moment, bevor das Humboldt-Forum mehr oder weniger zu einem Abstraktum wird. Es repräsentiert äußerlich – mit Ausnahme der Ostseite – Schlüters Barock-Architektur, d. h. das 1950 zerstörte Berliner Schloss. Daran ist innen anzuknüpfen, auch wenn der Verlust an Mobiliar, Porzellan, Tapeten, Skulpturen unwiderruflich ist. Allerdings ist mehr davon erhalten, als nach der brutalen Schleifung des Schlosses zu erwarten war.
Das Buch von Guido Hinterkeuser berichtet auf 175 Seiten von erhaltener Innenausstattung, Gemälden, Skulpturen und dekorativen Kunst. Der künftige Besucher sucht zunächst und zuvörderst, wenn er das Schloss betritt, nach dessen Herkunft weniger nach digitaler Zukunft und Sprachlaboren. Mit Ausnahme der Ethnologischen Museen, die ihrerseits Teil der Schlossgeschichte sind und der Wissenschaftsrepräsentation der Humboldt-Universität vermittelt die bisherige Konzeption, zu wenig, um die natürliche Neugier zu befriedigen.

Im Fokus einer Reformierung sollte das 1. Obergeschoss stehen, das der Zentral- und Landesbibliothek bisher vorbehalten war. Hier setzt die Verantwortung Berlins ein. Anzuknüpfen ist in der Tat an die Geschichte Berlins, die mehr als Stadtgeschichte war, an das preußische Arkadien der Humboldts, an Kant, die Universitätsgründung 1810, an Leistungen und Hybris, an Schuld und Sühne, an die Goldenen 20-er, die braune und die rote Vergangenheit der Stadt, ihre diversen Häutungen, Spaltung, Mauerbau und –fall, an den Übergang von globaler Frontstadt des Kalten Krieges zur bundesdeutschen Hauptstadt. Die Aufgabe ist nicht leicht. Ihre Lösung muß sich slalomartig durch Begriffe wie Heimat- und Stadtmuseum winden. Das kann nur durch eine intellektuelle Kooperation mit Museen, besonders dem für Deutsche Geschichte, dem Stadtmuseum und bewährten Ausstellungsmachern gelingen. Die Ausstellung darf nicht im Stoff ertrinken, nicht geschwätzig sein.
 
Berlin ist nicht nur ständig im Werden, erregt, in atemloser Bewegung, so der Entwurf Müllers, sondern manches hier ist geronnen, Kulisse geworden. Den Zeit- und Geschichtsstrom darzustellen, möglichst konkret, möglichst unter Einbeziehung präsentabler Spolien erscheint sinnvoll. Dem Müllerschen Ausstellungskonzept zieht man die Vorsicht an, ggf. zu weit gegangenen zu sein. Dies zeigen relativierende Zeitgeistbegriffe wie „Multiperspektivität“ oder Sätze wie „das Narrativ entsteht aus einer Polyphonie von Geschichten“. Aber sein Vorschlag kommt nicht zu spät, sondern zur rechten Zeit. Wäre er früher gekommen, hätte er sich der Drohung gegenüber gesehen, den Bau des Humboldt-Forums zu gefährden. Diese Drohung ist jetzt vom Tisch. Natürlich erhebt sich ein Schwall von Bedenken und ihren Trägern, gibt es Warnungen Wohlmeinender. Was wäre auch die Berliner Stadtgesellschaft ohne sie. Der Müllersche Vorschlag nimmt ein Stück Verantwortung wahr, er verdient Aufmerksamkeit, Mitdenken und Mittun.